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Nuraghenkultur

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Wer die Insel Sardinien bereist, trifft immer wieder auf eigentümliche Hinterlassenschaften einer vorgeschichtlichen Kultur, die wegen ihrer typischen architektonischen Zeugnisse, den Nuraghen, als Nuraghenkultur bezeichnet wird. Da diese Kultur schriftlos war, ist heute nicht einmal der Name bekannt, mit dem sich die sardischen Ureinwohner selbst bezeichnet hatten.

Wer nicht nur an der Temperatur der See und der Ausstattung der Strandbar interessiert ist, findet im ganzen Land faszinierende historische Hinterlassenschaften, die es erlauben, in die sardische Frühgeschichte einzutauchen.

Die Nuraghenkultur entwickelte sich wohl aus der sardischen Urbevölkerung in der Bronzezeit und existierte Jahrhundertelang im Landesinnern von Sardinien, während an den Küsten bereits die Phönizier (Punier) Handelsniederlassungen einrichteten, parallel weiter. Mit der Ausbreitung des phönizisch - karthagischen Einflussbereichs ins Landesinnere, der Unterwerfung der Phönizier durch die Römer in den punischen Kriegen, wurden die Nuragher in die Berggebiete im Hinterland der Ostküste verdrängt und gingen erst in den nachchristlichen Jahrhunderten in der nun römisch dominierten Kultur auf.

Geschichte und Bauwerke der Vor-Nuraghenkultur[Bearbeiten]

Vor-Nuraghenkulturen auf Sardinen

Besiedelungsspuren fanden sich auf Sardinien bereits aus der Altsteinzeit, in den Regionen von Sassari und Nuoro fanden sich Steinwerkzeuge aus Kalk- und Feuerstein, die von der Präsenz des Menschen hier vor 10'000 v.Chr. zeugen. Ein Beispiel ist die 1 Grotta Corbeddu Typ ist Farbbezeichnung. Funde aus der mittleren Steinzeit fanden sich in Höhlen 2 Grotta di Su Coloru Typ ist Farbbezeichnung bei Laerru und Su Pistoccu bei Arbus.

In der Jungsteinzeit nimmt die Zahl der Funde rapid zu. Ab 6'000 v.Chr. entwickelt sich eine Kultur mit Landwirtschaft, Dorfstrukturen, neben Steinwerkzeugen kommt Keramik zum Einsatz. An den Südwestabhängen des 3 Monte Arci Typ ist Farbbezeichnung wurden Obsidianvorkommen ausgebeutet, die zur Fertigung von Klingen, Speer- und Pfeilspitzen eingesetzt wurden in im ganzen südlichen Europa zu einem begehrten Handelsgut wurden.

Vergleich sardisch - korsische Kulturen

In der Epoche wird die Keramik der Cardialkultur entwickelt, später werden Statuetten der Muttergöttin mit weiblichen Attributen gefertigt. Auch die Architektur entwickelt in dieser Epoche typische Ausprägungen. Menhire, teils ganze Kreise von Dolmen werden aufgerichtet. Für die Begräbnisse werden Grabkammern und Höhlen ins Gestein gegraben, anfangs einfache Kasten- oder Backofengräber, später ganze Nekropolen mit Grabkammern, mit einem Zugang (Dromos) und ein bis drei Grabkammern; in Sardinien heissen diese Grabanlagen Domus de Janas (Feen-Häuser). Megalithmauern werden auf Anhöhen zum Schutz der Siedlungen errichtet und die ersten Protonuraghen entstehen.

Funde aus dieser Epoche fanden sich bei 4 Su Caroppu Typ ist Farbbezeichnung, in der Grotta Verde bei 5 Capo Caccia Typ ist Farbbezeichnung, in der 6 Grotta di Filiestru Typ ist Farbbezeichnung bei Mara; aus der späteren Jungsteinzeit in der 7 Grotta di Sa Ucca de su Tintirriolu Typ ist Farbbezeichnung. In San Ciriaco bei Terralba wurde die erste unterirdische Nekropole Domus de Janas ausgegraben, bei Arzachena fanden sich Hünengräber und in der 8 Necropoli di Li Muri Typ ist Farbbezeichnung ein Megalithenkreis. Funde aus der 9 Grotta San Michele Typ ist Farbbezeichnung bei Ozieri verhalfen der Ozieri-Kultur ihren Namen. Ein eindrückliches Relikt ist die 10 Altaranlage des Monte d’Accoddi Typ ist Farbbezeichnung.

In der Kupferzeit entsteht in der Bonnanaro-Kultur eine neue Art von Keramik, von dreifüssigen dickwandigen stehenden Gefässen geht man zu feineren Bechern, verwandt mit der Glockenbecherkultur über. Die Grabstätten werden als Kastengräber und Nekropolen in der Art von Domus de Janas ausgeführt. Solche unterirdische Nekropolen werden zuletzt von den Menschen der Bonnanaro-Kultur angelegt (11 Necropoli di Museddu Typ ist Farbbezeichnung, 12 Necropoli di Santu Pedru Typ ist Farbbezeichnung, 13 Necropoli di Sos Furrighesos Typ ist Farbbezeichnung), später geht man zu Gigantengräbern und Proto- oder Korridornuraghen über. Damit hatte um 1'800 v.Chr. die Epoche der Nuraghenkultur und die Bronzezeit begonnen.

Nuraghe La Prisgiona bei Arzachena in der Provinz Sassari

Geschichte der Nuraghenkultur: Einteilung[Bearbeiten]

Die Nuraghenkultur wird von Paolo Melis in fünf Haupt- und insgesamt neun Unterphasen eingeteilt:

Jahre v.Chr. Epoche Nuraghenkultur Keramik
1700 - 1500 Bronzezeit Früh - Bronzezeit Nuraghen IA Sa Turricula (Bonnanaro III)
1500 - 1350 Mittel - Bronzezeit Nuraghen IB San Cosimo, Metopalkeramik
1350 - 1200 Jung - Bronzezeit Nuraghen II Kammkeramik, Graukeramik
1200 - 900 End - Bronzezeit Nuraghen III Vorgeometrische Keramik
900 - 730 Eisenzeit 1. Eisenzeit 1 Nuraghen IVA Geometrisch
730 - 600 1. Eisenzeit 2 Nuraghen IVB Orientalisierend
600 - 510 1. Eisenzeit 3 Nuraghen IVC Archaisch
510 - 238 2. Eisenzeit Nuraghen VA Punisch
nach 238 Historische Zeit Nuraghen VB Römisch

Geschichte der Nuraghenkultur[Bearbeiten]

Die sardischen Ureinwohner pflegten ab dem 14. Jahrhundert v.Chr. Beziehungen zum östlichen Mittelmeerraum, wie Funde mit Herkunft aus der Ägäis vor allem im Südosten der Insel zeigen. Auch mykenische Keramik erreicht Sardinien um diese Zeit, die frühesten Stück in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts v.Chr. datiert.

Während des 13. Jahrhunderts v. Chr. intensivieren sich die Kontakte, speziell zur mykenischen Kultur und zu Zypern. Neben importierter originaler mykenischer Keramik fanden sich auch viele in Sardinien hergestellte Gefäßfragmente in mykenisierendem Stil. Kupfer war auf Sardinien begehrt. Trotz lokaler Kupfervorkommen auf Sardinien wurde eine beachtlich große Zahl Kupferbarren in Form einer Ochsenhaut. Diese waren in dieser Epoche die typische Handelsform für Kupfer im Mittelmeerraum und wurden auf Zypern produziert. Die Kupfer- und Bronzegegenstände der Nuraghenkultur wurden hingegen aus einheimischem Kupfer gefertigt.

Als die mykenische Kultur etwa 1050 v. Chr. endgültig unterging, gewannen die Phönizier die Seeherrschaft im Mittelmeer. Sie errichteten ab dem 9. Jahrhundert (vermutlich mit Einverständnis der einheimischen Bevölkerung) Handelsniederlassungen an den Küsten, begannen aber 550 v. Chr. die Insel zu kolonialisieren. Die in Bedrängnis geratenden Nuragher griffen die Nachfolger der Phönizier, die Punier, 509 v.Chr. an und konnten sie zurückschlagen, was die Punier veranlasste, Unterstützung aus ihrer Kolonie Karthago anzufordern. Die Karthager brachten zwischen 500 und 238 v.Chr. die für sie interessanten Teile Sardiniens, mehrheitlich auf der Westhälfte der Insel gelegen, unter ihre Herrschaft und errichteten mehrere Orte (Bosa, Cornus, Tharros, Sulki (heute Sant’Antioco), Bithia (Chia), Nora, Cagliari und Olbia). Lediglich im bergigen Binnenland im Osten der Insel, die Region erhielt den Namen Barbaria oder Barbagia konnten die Nuraghen ihre Eigenständigkeit bewahren; entlang der von den Puniern kolonialisierten Küsten kam es zu ethnischen und kulturellen Verschmelzungen.

Im ersten punischen Krieg vermochte die aufstrebende Weltmacht Rom die Karthager auf der Insel Sardinien besiegen, im Jahr 238 v.Chr. fiel Tharros in die Hände der römischen Legionen. Die letzten unabhängigen sardischen Ureinwohner in der von Rom definitiv eroberten Barbaria oder (Barbagia) assimilierten sich und die nuraghische Kultur ging definitiv unter.

Die Bautechniken der zeitgleichen auf Korsika, der Sesioten auf Pantelleria sowie der Talayot-Kultur auf den Balearen sind vergleichbar mit denen der Nuragher.

Bauwerke der Nuraghenkultur[Bearbeiten]

Bauwerke der Nuraghenkultur IA[Bearbeiten]

Entwicklung der Nuraghenbauten

In der Frühzeit der Nuraghenkultur entwickelten sich Rundbauten, die allerdings noch nicht über einen zentralen Innenraum verfügten, sondern lediglich ein oder mehrere Korridore und kleine Zellen. Teils durchläuft ein mit Steinplatten ("Sturz") abgedeckter Korridor den gesamten Durchmesser des Bauwerks ("Nuraghe mit durchgehendem Korridor"), der also zwei Eingänge hat, meistens endet aber ein Korridor blind im Innern, teils in einer Nische oder in querenden Seitenkorridoren. Teils erweitert sich der beim Eingang schmale mit einem Sturz in Form einer Steinplatte abgedeckte Korridor im Innern und der Raum wird mit sich teils überlappenden Steinplatten abgedeckt, dieser Protonuraghe mit schifförmigem Raum stellt eine Frühform in der Entwicklung hin zum Kraggewölbe, das den echten Nuraghen ausmacht, dar. Da sich im Innern der Protonuraghen kaum nutzbare Räume befanden, war wohl die Plattform der oberen Terasse der wichtigste Gebäudeteil, wahrscheinlich hatten hier Wohnräumlichkeiten mit hölzerner Überdachung bestanden.

Zur Zeit der Entstehung der ca. 300 erhaltenen Protonuraghen entstanden auch Gigantengräber mit einem Halbrund aus aufgestellten Steinen(Madau, Muraguada) und Spätformen der sardischen Felsgräber (Mesu ’e Montes, Felsgrab von Molafa, Su Carralzu, Sos Furrighesos).
Die Gigantengräber waren Grabanlagen, die in der Regel für Mehrfachbestattungen genutzt wurden. Sie bestehen aus einer langgestreckten Grabkammer, die ähnlich wie der Korridor eines Nuraghen aus aufgestellten Steinen, die mit flachen Steinplatten gedeckt sind. Der Eingang besteht in der Regel aus einem aufgestellten hohen Stein ("gebogene Stele") mit einer ganz niedrigen Zugangspforte, im einem Halbkreisbogen schliessen sich weitere aufgestellte Steinplatten an und umschliessen einen runden Platz, die "Exedra" halb, oder mit Fortsetzung in eine niedrige Mauer vollständig. In der Exedra, die teils mit einem Steinsitz ausgestattet war, wurden komplexe Begräbnisrituale gefeiert, wahrscheinlich suchten die Menschen das Grab eines verstorbenen Helden noch länger auf und verbrachten davor die Nacht.
In Nordwestsardinien finden sich anstelle der megalithischen Gräber auch Gigantengräber, die in den Felsen geschlagen wurden, teils wurden steinzeitliche "Domus des janas" nachverwendet und entsprechend den Begräbnissitten umgestaltet.

Im Bereich der Gigantengräber, bei Spezialformen mit einem zinnenartigen "Zahnfries" auch auf der Stele, fanden sich Betylen. Diese entsprechen wahrscheinlich Nachfolgern der steinzeitlichen Menhire, es handelt sich um aufgestellte Steine, welche als Geschlechtsattribute der Frau mit zwei Höckern auf Brusthöhe ausgestattet sind, es gibt davon auch männliche Formen. Bekannt sind die Betylen beim Gigantengrab von Tamuli bei Macomer.

Bauwerke der Nuraghenkultur IB[Bearbeiten]

Ab ca. 1600/1550 v.Chr. tauchen die ersten typischen Nuraghen auf, der Tholos - Nuraghe zeichnet sich durch ein Kraggewölbe (ein falsche Kuppel, die durch übereinandergeschichtete Steine gebildet wird, ähnlich der Kulturen von Mykene und Kreta) aus. Insgesamt wurden ca. 6'500 Nuraghen entdeckt, von denen mit dem Bedarf an Steinen für Strassenbau und Einfriedungen von Gehöften und Häusern in den vergangenen 150 Jahre sehr viele zerstört wurden.

Die Nuraghen sind in Trockenmauertechnik ohne Einsatz von Zement oder Mörtel errichtet. Teils wurden die Steine in ihrem Urzustand belassen, teils vor allem in den höheren Bereichen im Bereich der Brüstung der oberen Terasse sorgfältig bearbeitet und eingepasst. Aus herabgefallenen Steinen lässt sich schliessen, dass die obere Terasse vieler Nuraghen mit einer vorspringenden Brüstung ausgestattet waren.

Im Innern eines Nuraghen findet sich ein runder Raum mit einer als Kraggewölbe ausgeführten Kuppel, der sogenannte Tholos. Beim Kraggewölbe werden die überlappenden Steinplatten in immer engeren Kreisen übereinandergelegt und am Schluss mit einer Abschlusssteinplatte bedeckt, im Gegensatz zu den mykenischen Tholoi wurden die sardischen immer unter freiem Himmel und nie unter einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel errichtet. Die Technik des echten Gewölbes wurde erst später in Ägypten entwickelt und von den Etruskern und Römern in der Region eingeführt.

Bei den meiste Nuraghen führt vom Eingangskorridor meist nach links eine Treppe spiralförmig innerhalb der Breite der Wand des Bauwerks nach oben ins obere Stockwerk resp. auf die Terrasse. In manchen Nuraghen beginnt der Aufgang zur Terasse im Innenraum, meist beginnt er oberhalb des Bodenniveaus. Daraus lässt sich schliessen, dass wahrscheinlich eine hölzerne Treppe oder Holzleiter vorhanden war. Bei manchen Nuraghen war der Treppenaufgang ausserhalb des Gebäudes konstruiert.

Im Innern des Nuraghen finden sich neben dem zentralen Raum meist weitere Räume, die über Korridore von innen oder gelegentlich von aussen erreicht werden. Gegenüber dem Treppenaufgang liegt oft eine Nische, die meist fälschlicherweise als "Postenraum" bezeichnet wird.
Im Boden des Hauptraums, in Seitennischen oder auf der Terasse wurden teils Brunnen oder Silos gegraben, um Flüssigkeiten oder Lebensmittel aufzubewahren.

Bei mehrstöckigen Nuraghen mündet die Treppe oft in einen Treppenabsatz beim Eingang zu den Räumlichkeiten, der genau über dem Eingangskorridor liegt. Licht erhält das Innere des Nuraghen meist durch ein Fenster über dem Eingang und teils durch kleine rechteckige Fenster, die fälschlicherweise als Schiessscharten bezeichnet werden.

In der Epoche der Nuraghenkultur IB wurden auch die ersten Brunnenheiligtümer errichtet, Quellen und Heilige Brunnen waren in der Kultur mit wahrscheinlich einer ausgeprägten Totenverehrung die Pforten in die Unterwelt oder ins Jenseits. Die Tempelanlagen oder Brunnenheiligtümer waren dreiteilig angelegt: in einem rechteckigen Vorraum, dem "Vestibulum" oder "Atrium", befanden sich Sitzbänke aus Stein. Oft führte ein Ablauf aus dem Vorraum vergossenes geheiligtes Wasser wieder zum Quellbecken zurück. Ein Treppenabgang führt dann in den Tholosraum hinunter. Der "Tholos-Raum" mit der gefassten Quelle oder dem Brunnenschacht ist in Art eines Nuraghen ausgeführt, der zentrale Raum wird von einer als Kraggewölbe ausgeführten falschen Kuppel bedeckt. Die Kuppel wurde in der Regel unter Erdreich begraben und stand im Gegensatz zu den Nuraghen nicht unter freiem Himmel.
Oftmals umgab eine Einfriedung aus einer Mauer den "Temenos", den Heiligen Bezirk. Im Bereich um die Brunnenheiligtümer fanden sich die meisten nuraghischen Bronzestatuetten, die wahrscheinlich Votivgabe zum Unterstreichen einer Bitte nach oder Dank für eine gute Ernte, etc. waren. Um den Heiligen Bezirk wurden später oftmals runde Wohnbauten angelegt.

Seltener sind rechteckige "Antentempel" oder "Megarontempel". Antentempel haben einen rechteckigen Grundriss, die Seitenmauern an den Vorder- und Hinterseiten sind verlängert, ein typisches Beispiel fand sich in Romanzescu bei Bitti. Nur vereinzelt wurden in den letzten Jahrzehnten kultische Rundbauten identifiziert, die einen doppelt so grossen Grundriss und ein grösseres zentrales Becken als die Sektoren- oder Versammlungshütten hatten. Aus Tierkopfplastiken tropfendes Wasser wurde in einer Kanalisation gefasst; entlang der Wände fanden sich Steinbänke als Sitzgelegenheiten.

Bauwerke der Nuraghenkultur II / III[Bearbeiten]

Ab dem 14. Jhdt. wurden die Einzelnuraghen mit seitlich angefügten Nuraghentürmen erweitert. Mauerkurtinen verbanden die Nuraghen zu Bastionen, in der Phase Nuraghenkultur III um 1200 und 900 v. Chr. entstanden Nuraghen - Komplexe wie die Nuraghe Santu Antine (Torralba), Nuraghe Su Nuraxi bei Barumini, Nuraghe Santa Barbara (Macomer) und Sa Domu ’e s’Orcu (Siddi) aus drei, vier oder fünf Nuraghen.

Die Nuraghen - Komplexe wurden mit Mauern umgeben, so dass sich ein Innenhof bildete, über den die Nebennuraghentürme vom Hauptturm aus erreicht werden konnten. Im Mauerwerk zum Hof hin öffneten sich Nischen und Silos. Teils wurden in hohe Neben - Nuraghentürme mit Hängeböden aus Holz zusätzliche Stockwerke eingefügt, in den Haupttürmen finden sich solche Konstruktionen nur selten.

Manchmal wurden die Nuraghenkomplexe mit einer weiteren Vormauer umgeben, ein Beispiel ist der Nuraghe Losa bei Abbasanta. Wahrscheinliche dienten diese Umfriedungen militärischen und zivilen Zwecken, sie könnten zum Schutz von bedeutenden Punkten (Quellen, Wasserläufen, Talzugängen) dienen oder die Anwesen von Autoritäten schützen.

In der Nuraghenkultur IB und vor allem II wurden wie oben beschrieben Brunnenheiligtümer errichtet. Beispiele sind diejenigen von (Sa Testa, Santa Cristina, Santa Vittoria (Serri), Su Tempiesu, etc.).

In der späten Nuraghenkultur II und in der Phase III erscheinen erstmals die für die Hochblüte der Nuraghenkultur typischen Bronzefigurinen.

Bauwerke der Nuraghenkultur IV[Bearbeiten]

Von 1000 bis 700 v. Chr. wurde die Nuraghenkultur eisenzeitlich. Es entwickelten sich um die zentralen Nuraghenkomplexe Siedlungen mit zahlreichen Rundbauten, die wahrscheinlichen Wohnbauten der zu einem Stamm gehörigen Einwohner darstellen. Die Rundbauten bestanden aus einer Steinmauer, je nach der Dicke mit Nischen zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und Flüssigkeiten. Eine andere Aufbewahrungsart waren grosse im Boden vergrabene Gefässe (ähnlich den Pithoi), die mit einem Steindeckel abgedeckt waren. In der Mitte der Behausung fand sich meist eine Feuerstelle. Über den Behausungen erstreckte sich ein Dach aus Baumstämmen, Ästen und Laubwerk; die Wände waren teils mit Schlamm oder Lehm verputzt, teils kam Kork zur Isolation zum Einsatz.

In der Spätzeit der Nuraghendorfkultur wurden Wohnkomplexe errichtet. Die Sektorenhütten bestehen aus mehreren Rundbauten um einen zentralen Hof; spezielle Bauten dienten für den Brotbackofen und besonders sorgfältige Rundbauten wohl einem häuslichen Kult, diese zeichnen sich durch Sitzflächen an den Wänden und ein zentrales Becken aus.

Als einzige öffentliche Strukturen finden sich "Versammlungshütten", grossen Rundbauten mit einer der Wand entlang errichteten Sitzbank.

Im Gegensatz zur punischen oder römischen Kultur existierte in den Nuraghendörfern kein zentraler Platz oder Agora, keine Haupt- oder Nebenstrassen, keine öffentlichen Brunnenanlagen (abgesehen von den kultisch genutzten Brunnenheiligtümern) oder Tränken und keine Kanalisation.

Beispiele für Nuraghendörfer sind diejenigen von Su Nuraxi (Barumini), Palmavera (bei Alghero).
In der Spätphase 900 – 500 v. Chr. entstanden besonders in der Provinz Nuoro Nuraghensiedlungen, die eine andere, zum Teil nuraghenlose Form der Kultplatzgestaltung darstellen (Serra Orrio und Tiscali).

Kunsthandwerk in der Nuraghenkultur[Bearbeiten]

Bildhauerkunst[Bearbeiten]

Steinskulptur vom Monte Prama

Steinskulpturen finden sich vergleichsweise selten, meist hatten sie wohl kultischen Charakter. Von besonderem Interesse sind Steinmodelle mit Nuraghen, welche den Oberbau zeigen. Aussergewöhnlich sind die aus dem 9. Jhdt. stammenden überlebensgrossen Statuen von nuraghischen Kriegern, die in Mont'e Prama bei Cabras gefunden wurden.

Bronzestatuetten[Bearbeiten]

Bronzestatuetten

Im 9. Jhdt. entstanden die ersten Bronzefigurinen, die die Wahrnehmung der nuraghischen Kunst prägen und in internationalen Museen ausgestellt sind. Wahrscheinlich wurden die Statuetten als Votivgaben in die Heiligtümer gebracht, um die Götter für die Ernte, einen guten Fischfang oder siegreichen Feldzug günstig zu stimmen oder um eine Heilung zu erbitten oder sich dafür erkenntlich zu zeigen (im Falle eines Geheilten, der seinen Krückstock abgibt).

Diese Statuetten stellen meist Menschen (in grosser Mehrheit Männer), Krieger, Tier- und Phantasiewesen, Schiff und auch Miniaturmodellen von hochaufragenden Nuraghentürmen dar. Dies ist von umso grösserer Bedeutung, dass keine Nuraghen mit intaktem Oberbau gefunden wurden.

An den Kriegerstatuetten erkennt man die damalige Bekleidung, oft kommen Bogenschützen zur Darstellung. Die meisten Krieger tragen das "nuraghische Stilett", einen kurzen Dolch mit verlängerter Parierstange zum Schutz der Hand am Griff - diese Waffen wurden auch in natürlicher Grösse gefunden.

Von besonderem Interesse sind die Modellen von Schiffen: Gefunden wurden etwa 120 Schiffsmodelle, meist mit einer Tier- / Hirschkopfplastik am Bug und einem mit einem Geländer versehenen Raum in der Mitte. Die meisten Schiffsfigurinen haben in der Mitte eine Ringöse zum Aufhängen, was zur Hypothese führte, dass sie als Öllampen gedient haben könnten.

Die Bronzefigurinen wurden mit der Technik des verlorenen Wachses hergestellt. Das Modell wurde zunächst aus Wachs oder Talg gefertigt, dann in eine Tonform eingeschlossen. Das durch ein Loch an der Oberseite eingegossene geschmolzene Metall nahm den Platz des Wachses ein, Überreste konnten durch ein Loch am Boden der Tonform abtropfen. Die Gusszapfen wurden nach Abschlagen der Tonform entfernt.

Keramik[Bearbeiten]

Bereits in vor-nuraghischer Zeit wurden elegante Gefässe gefertigt, in der Nuraghenzeit entstanden kunstvolle Verzierungen. In der Epoche Nuraghenkultur I entstanden Gefässe mit geometrischen Mustern, die schachbrettartig eingestempelt wurden, "Metopalstil". In der Epoche Nuraghenkultur (II)/III entstand Keramig mit Dekors in Form gepunkteter Linien, die wohl mit einem kammartigen Instrument in den Ton eingedrückt wurden, sogenannte "Kammkeramik". Vor allem flache Gefässe oder Platten wurde so dekoriert; man geht davon aus, dass diese "Brotbretter" für die kultische Herstellung oder Bereitstellung von Fladen und Broten zum Einsatz kamen.

In der Phase der Nuraghenkultur IV wurden die Gefässe mit sehr reichen und feinen geometischen Mustern dekoriert und mit einem feinen rötlichen Überzug versehen. Die "geometrische Keramik" umfasst zum Einen Krüge mit birnenartiger Form und zwei oder vier Henkeln und "Askoi", Gefässe mit einem Henkel und einem teils schnabelartig ausgeführten Ausguss auf der Gegenseite.

Sehenswerte Bauwerke der Nuraghenkultur[Bearbeiten]

Über ganz Sardinien sind Reste von 7000 - 8000 Nuraghen verstreut, teils nur noch rundliche Steinhaufen oder kaum erkennbare Rundturm-Fundamente, teils aber gut erhaltene komplexe Bauwerke aus der Bronze- und Eisenzeit, im folgenden sind nur die ausserordentlichsten Vertreter aufgelistet, die Liste kann nach Art der Bauwerke und Region / Provinz sortiert werden.

Stätte Ortschaft Provinz Epoche Art Lokalisation Informationen Bild
Nuraghendorf Palmavera Alghero Sassari IV Nuraghendorf 1 Palmavera Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghendorf mit einem Komplexnuraghen umgeben von Wohngebäuden, Versammlungshütte. Eintritt kostenpflichtig.
Nuraghe di Palmavera
Necropoli di Anghelu Ruju Alghero Sassari Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 14 Necropoli di Anghelu Ruju Typ ist Farbbezeichnung Nekropole aus der pränuraghischen Zeit mit 38 "Domus de Janas".
Nekropole Anghelu Ruju
Necropoli di Santu Pedru Alghero Sassari Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 15 Necropoli di Santu Pedru Typ ist Farbbezeichnung Nekropole aus der pränuraghischen Zeit. Eintritt kostenpflichtig.
Nekropole Santu Pedru
Necropoli Su Crucifissu Mannu Porto Torres Sassari Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 16 Necropoli di Su Crucifissu Mannu Typ ist Farbbezeichnung Nekropole aus pränuraghischer Zeit
Nekropole Su Crucifissu Mannu
Monte d'Accodi Porto Torres Sassari Pre Heiligtum (prä-nuraghisch) 17 Monte d'Accodi Typ ist Farbbezeichnung Heiligtum mit einem Altar aus pränuraghischer Zeit.
Altaranlage auf dem Monte d'Accoddi
Necropoli di Museddu Cheremule Sassari Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 18 Necropoli di Museddu Typ ist Farbbezeichnung Nekropole mit 37 Grabkammern aus der Jungsteinzeit. Freier Eintritt.
Necropoli di Museddu
Necropoli di Tennero Cheremule Sassari Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 19 Necropoli di Tennero Typ ist Farbbezeichnung Nekropole aus prä-nuraghischer Zeit. Freier Eintritt.
Necropoli di Tennero
Nuraghe Santu Antine Torralba Sassari III Komplexer Nuraghe 2 Nuraghe Santu Antine Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghe mit komplexer Struktur,
Nuraghe Santu Antine
Nuraghe Santa Barbara Macomer Nuoro III Komplexer Nuraghe 3 Nuraghe Santa Barbara Typ ist Gruppenbezeichnung Komplexer Nuraghe
Nuraghe Santa Barbara
Nuraghe Ruggiu Macomer Nuoro I Nuraghe 4 Nuraghe Ruggiu Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghe
Nuraghe Ruggiu
Necropoli di Filigosa Macomer Nuoro Pre Nekropole (prä-nuraghisch) 20 Necropoli di Filigosa Typ ist Farbbezeichnung Nekropole aus prä-nuraghischer Zeit
Necropole von Filigosa
Nuraghe und Baityloi von Tamuli Macomer Nuoro Pre Baetyli 5 Nuraghe und Baityloi von Tamuli Typ ist Gruppenbezeichnung Baityloi oder Bätylen sind zu kultischen Zwecken aufgestellte Steine, von denen die "weiblichen" Formen brustartige Kurven haben. In der Nähe auch eine Nuraghe
Baetyli von Tamuli
Nuraghe Losa Abbasanta Oristano IV Nuraghendorf 6 Nuraghe Losa Typ ist Gruppenbezeichnung Komplexer Nuraghe mit umgebender Einfriedung eines Nuraghendorfs
Nuraghe Losa
Nuraghe Zuras Abbasanta Oristano II Nuraghe 7 Nuraghe Zuras Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghe mit Kraggewölbe und drei Nischen
Pozzo Santo di Santa Cristina Paulilatino Oristano IV Brunnenheiligtum 8 Pozzo Santo di Santa Cristina Nuraghisches Brunnenheiligtum
Pozzo Sacro Santa Cristina
Nuraghe di Santa Cristina Paulilatino Oristano IV Nuraghendorf 9 Nuraghe Santa Cristina Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghendorf mit einem Nuraghen und drei Langhäusern mit Kraggewölbe; älter als das Brunnenheiligtum
Nuraghe di Santa Cristina
Nuraghe Arrubiu Orroli Sud Sardegna III Komplexer Nuraghe 10 Nuraghe Arrubiu Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghe mit komplexer Struktur
Nuraghe Arrubiu
Nuraghe Sirai Monte Sirai, Carbonia Sud Sardegna III Komplexer Nuraghe 11 Nuraghe Sirai Typ ist Gruppenbezeichnung Nuraghe mit komplexer Struktur
Nuraghe Sirai

Literatur[Bearbeiten]

  • Giorgio Stacul (Hrsg.): Arte della Sardegna nuragica (= Biblioteca moderna Mondadori. Bd. 704. Mondadori, Mailand 1961.
  • Paolo Melis: Nuraghenkultur, Carlo Delfino editore, Sassari 2003, ISBN 88-7138-276-5.
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit (= Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Bd 36). Beier & Beran, Langenweissbach 2003, ISBN 3-930036-70-3.
  • Laura Soro: Sardinien und die mykenische Welt: Die Forschungen der letzten 30 Jahre, in: Fritz Blakolmer u. a. (Hrsg.): Österreichische Forschungen zur Ägäischen Bronzezeit 2009. Akten der Tagung vom 6. bis 7. März 2009 am Fachbereich Altertumswissenschaften der Universität Salzburg, Wien 2011, S. 283–294.
  • Massimo Pittau: Storia dei sardi nuragici. Domus de Janas, Selargius 2007.
  • Gustau Navarro i Barba: La Cultura Nuràgica de Sardenya (= Collecció Sardenya. Bd. 1). Edicions dels A.L.I.LL., Mataró 2010, ISBN 978-84-613-9278-0.
  • Massimo Pittau: Compendio della Civiltà dei Sardi Nuragici. Sassari 2017.
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